Die Trauma-Anker

 

 

Woher kommen die Anker?

 

„Auch ein steiniger Weg führt ans Ziel.“

Das Leben verläuft nicht wie eine Gerade. Niemand kommt ohne Hochs- und Tiefs durchs Leben. Doch es gibt Tiefs, die sind so einschneidend, dass sie ein Leben komplett verändern. Momente, die die Weichen stellen, für alles was danach folgt. Ich nenne dies gern Y-Momente. Es sind die wichtigen Weggabelungen, die über den kompletten Lauf eines Lebens entscheiden können. 

Ich habe mich lange gefragt, welchen Weg mein Leben genommen hätte, wenn meine persönlichen Y-Momente anders gelaufen wären? Ich kam aber nur zu der einen Erkenntnis: 

Ich wäre nicht die Person die ich heute bin!!! 

 

Jede Erfahrung, ob positiv oder negativ, führte dazu, dass ich heute so bin wie ich bin. Jahrelang habe ich mich jedoch selbst kaum ertragen und wollte nicht mehr leben. Erst als ich hingesehen habe und mir meine Y-Momente angeschaut habe, konnte ich mich und meine Geschichte endlich annehmen. 

Alte Verletzungen und traumatische Erlebnisse kamen dadurch zum Vorschein und ich erkannte nun plötzlich viele Zusammenhänge. Leider helfen gerade bei Traumatisierungen Einsichten allein nicht aus. Sie hinterlassen so tiefe Spuren in der Persönlichkeit und im Umgang mit Emotionen, dass nur durch eine intensive Auseinandersetzung überhaupt eine Verarbeitung möglich wird.

 

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 „Warum wollen Sie weiterleben?“ – „Weil da ein kleines Licht der Hoffnung brennt!“

 

Ein Mensch kommt nicht ohne Grund auf den Gedanken sein Leben beenden zu wollen. Ich stand ab einem Alter von 13 Jahren mehr im Jenseits als in meinem tatsächlichen Leben. Ich suchte die Schuld dabei nur bei mir und verbarg nach außen meine Gedanken komplett. Bis ich 22 Jahre führte ich dieses „Doppelleben“ sehr erfolgreich. Ich ging zur Schule, machte mein Abitur und fing mein Studium bei der Polizei an. Nach außen schien alles vollkommen normal und unauffällig. Innerlich war ich allerdings bereits tot und erlitt unendliche Qualen. 

Dann kamen die ersten bewusst wahrgenommenen traumatisierenden Einsätze im Rahmen der praktischen Ausbildung bei der Polizei. Eine Schussabgabe auf mich und meine Kollegen, erste Leichen, erste tödliche Verkehrsunfälle und viele kleine Situationen die hohes Angstpotential innehatten. 

Rückblickend betrachtet zeigte damals mein Körper schon deutlich was er von diesen Situationen hielt. Unbemerkt für andere zitterte ich auf Einsatzfahrten innerlich sehr extrem. Doch meine Fähigkeit zum Verdrängungen war zu diesem Zeitpunkt schon so perfektioniert, dass ich wie die alten Hasen bei der Polizei über diese Einsätze hinweggehen konnte und der Rest wurde mit dem Feierabendbier gelöst. Welchen Schaden ich meiner Seele damit zusätzlich angetan habe sollte ich erst Jahre später bemerken. 

 

Angst zu zeigen ist in meinem Job nicht drin. Angst zu spüren jedoch sehr wohl. Ich war immer deutlich vorsichtiger in Einsätzen als andere Kollegen. Habe mehr mitgedacht und Gefahren innerlich „berechnet“. Im Grunde eine sehr gute Eigenschaft, denn ich hatte wenig Widerstandssituationen und eigentlich immer einen sehr guten Draht zu meinem Gegenüber. 

 

Doch was ist wenn die innere Angst zu groß wird. Wenn man weder Schlaf noch Ruhe finden kann? Wenn kein Feierabendbier mehr hilft um abzuschalten? Wenn in den kurzen Schlafzeiten dann auch noch Albträume dazu kommen? Wenn im Privatleben der Geduldsfaden plötzlich reißt und man wegen belanglosen Dingen ausrastet? Wenn man lieber selbst mit dem Auto gegen einen Baum fahren würde, als noch einmal jemanden tot aus einem Autowrack am Baum rauszuholen?

Dann beginnt eine Abwärtsspirale…

Und früher oder später, meist ganz unten in der Abwärtsspirale angekommen, kommt dieser Y-Moment der alles entscheidet: 

Beende ich mein Leben oder suche ich mir Hilfe. 

 

Ich bin im Nachhinein so froh mich für den Weg der Hilfe entschieden zu haben. Ob es der einfachere Weg war ist die Frage…aber es definitiv der bessere für die Zukunft. 

Was mir auf meinem Weg half sind die Trauma-Anker die ich hier darstellen möchte:

 

Die Trauma-Anker 

 

Kein Mensch und vor allem kein Polizist kommt gern an den Punkt, an dem er merkt, dass es ohne Hilfe nicht weitergeht. Auch oder gerade weil man Freund und Helfer ist, fällt es doppelt schwer selbst um Hilfe zu suchen. Aber dieses Phänomen ist in vielen sozialen Berufen verbreitet. Man kann und will keine Schwäche zugeben, weil das komplette Lebenskonstrukt dadurch einstürzen könnte. Es kommen zu den ohnehin schon vorhandenen Ängsten dann noch Existenzängste hinzu. 

 

Man ist in der Denkspirale gefangen, dass einem ohnehin niemand helfen kann. 

Nun kommen die Trauma-Anker ins Spiel. Im Grunde sind die Trauma-Anker gar nicht nur für die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse wichtig. Es sind die Eckpfeiler eines jeden gesunden Lebens.  

 

Die Trauma-Anker sind Sicherheit, Vertrauen in sich selbst, Vertrauen in andere Menschen, ein gutes Körpergefühl und ein Leben im Jetzt

 

Bei traumatisierten Personen liegen alle diese Eckpfeiler in Schutt und Asche und daher ist ein normales Leben so gut wie nicht mehr möglich. 

 

Allerdings ist hierbei zu unterscheiden, ob es sich um ein einmaliges traumatisches Erlebnis im Erwachsenenalter handelt oder sich die Traumatisierung bereits in der Kindheit ereignet haben.

 

In meinem Fall war zusätzlich Letzteres gegeben. Ich habe bereits als Kind Gewalt und Missbrauch erleben müssen und daher haben sich bei mir niemals wirkliche Anker ausgeprägt.

 

Obwohl ich nachfolgend die Trauma-Anker einzeln betrachte, bedingen sie sich natürlich gegenseitig sehr stark. Ohne Vertrauen in sich selbst ist es z.B. nicht möglich sich auf die Körpergefühle einzulassen. Aber dazu später mehr. Jetzt möchte ich erstmal einzeln auf die Anker eingehen.

 

Sicherheit 

 

Die wichtigste Voraussetzung um die Bearbeitung der traumatischen Erlebnisse zu beginnen, ist die persönliche innere und äußere Sicherheit. Im ersten Schritt muss zwingend Sicherheit im Außen hergestellt werden. Sofern noch Umstände vorherrschen, in denen potentielle erneute Traumatisierungen stattfinden können, sollten diese umgehend beendet werden. Dies kann z.B. im Rahmen einer Beziehung mit potentiellen Tätern vorliegen. Oder ein Beruf der weiterhin traumatisierend wirken kann. Ggf. ist zunächst erstmal eine Veränderung des Umfeldes durch einen Umzug oder durch eine Krankschreibung notwendig. Hier ist es Ratsam sich Hilfe bei entsprechenden Institutionen oder Ärzten zu suchen.  

 

Nur ein ruhiger See kann wieder klar werden.“ (Chinesisches Sprichwort)

 

Solange im äußeren Umfeld destabilisierende Umstände vorherrschen ist keine Traumabearbeitung möglich.

Zur inneren Stabilität gehört es selbstschädigendes/selbstverletzendes Verhalten, Suchtverhalten und ggf. Suizidgedanken zunächst erstmal in den Griff zu bekommen. Je nach Schwere der Symptome kann diese Phase kürzer oder länger andauern. Ganz wichtig ist hier kompetente Begleitung. Eine ärztliche und/oder therapeutische Begleitung ist hier bereits unbedingt angezeigt. Ggf. kann diese Phase auch durch die Einnahme von Medikamenten unterstützt werden. Medikamente lösen zwar keine Probleme / kein Trauma auf, können jedoch soweit stabilisierend wirken, dass überhaupt erst weitere Schritte notwendig sind.

 

Hier möchte ich kurz sagen, dass auch die Traumabearbeitung kein gradliniger Prozess ist. Sofern eine Stabilisierungsphase erfolgreich verläuft, kann man auch erstmal wieder versuchen den Alltag einigermaßen in den Griff zu bekommen und die eigentliche Traumaarbeit später durchführen. Allerdings sollte es nicht zu lange aufgeschoben werden, denn sonst kann eine Spirale der Verdrängung oder Umwandlung in körperliche Beschwerden (Somatisierung) entstehen. Hier sollte man sehr genau auf sich Acht geben. 

 

Vertrauen in sich selbst

 

Wenn man es geschafft hat die Sicherheit im Äußeren und Inneren herzustellen, hat man schon jede Menge geleistet. Allein das ist ein Grund schon mal stolz auf sich zu sein. Entweder Stolz darauf sich aus den traumatisierenden Lebensumständen zu befreien oder darauf endlich Hilfe gesucht zu haben. Keiner gibt sich gern die Blöße und zeigt seine schwachen Seiten so schutzlos. 

Doch warum ist dies plötzlich möglich? Gibt es da etwa eine Art inneren Kompass der einem sagt was richtig und was falsch ist? Eine kleine Stimme die einem sagt was man tun sollte? Oder ein pfiffiges Unterbewusstsein, dass einem wie von Geisterhand die richtigen Entscheidungen treffen lässt? In der Anfangsphase steht man meist sehr stark neben sich und kann nicht wirklich erkennen was sich eigentlich gerade verändert. Es sind die kleinen Schritte zurück ins Leben die einem das Vertrauen in sich Selbst und seine eigenen Wahrnehmungen zurückgeben. 

 

Traumatisierungen wirken sich sehr stark auf das emotionale Erleben aus. Es gerät förmlich komplett aus dem Gleichgewicht. In sehr schlimmen Fällen verliert man komplett den Zugang zu seinen Gefühlen. Man spürt einfach nichts mehr. 

 

In diesen Fällen beginnt nun der sehr mühsame Weg sich diese Gefühle zurückzuerobern. Dazu gehört zunächst erstmal das Vertrauen darin diese Gefühle auch auszuhalten. Und hier ist das Unterbewusstsein richtig pfiffig. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass das Unterbewusstsein nur so viele Emotionen und Erinnerungen zulässt, wie es auch ertragen kann. Je nach Schwere der Traumatisierung beginnt hier ein sehr sehr mühsamer Weg. Man tastet sich vorsichtig immer wieder an die Grenze des Aushaltbaren ran und weicht dann gelegentlich ganz erschrocken zurück. Es ist auch eine Phase, die von vermeintlichen Rückschritten oder Stillstand gekennzeichnet ist. Geht man zu schnell vor überfordert man sich zu stark.

In dieser Phase kann es auch sein, dass man die zuvor erworbene Sicherheit und Stabilität zumindest teilweise wieder verliert. Unter Umständen wird man erneut arbeitsunfähig oder funktioniert im Alltag nur bedingt. In dieser Phase ist es vielleicht auch angebracht sich eine stationäre Traumatherapie anzustreben. Im klinischen Rahmen kann eine viel tiefergehende Therapie erfolgen als im ambulanten Kontext. Allerdings sollte man sich die unterschiedlichen Klinken und Behandlungskonzepte sehr genau anschauen. Es gibt Kliniken die nur Verwahrstationen gleichen und keine wirkliche Traumaarbeit anbieten. Augen auf bei der Klinikwahl kann ich nur raten!

Im Idealfall tritt aber nach einiger Zeit ein unheimlich wichtiger Effekt ein: 

Man bekommt (wieder) Zugang zu seinen eigenen Gefühlen! Dieser Effekt tritt zunächst schleichend ein…aber irgendwann wird es einem bewusst wieviel stärker man eigentlich geworden ist. Was es bedeutet sich wieder auf sich selbst und die eigenen Wahrnehmungen verlassen zu können. Ein Gespür dafür zu bekommen was einem gut tut und was nicht. Und vor allem das Gefühl der Hilflosigkeit endlich loswerden. Man kann sich förmlich wieder auf sich verlassen und man weiß welche Fähigkeiten und Stärken in einem stecken. Man kann sich dadurch zwar nochmal stark verändern und vielleicht auch mal Menschen vor den Kopf stoßen, aber es ist im Grunde der wichtigste Prozess überhaupt.

 

Das Vertrauen in sich und seine eigenen Emotionen und Fähigkeiten ist die Grundlage für jedes gesunde und erfüllte Leben. Fremdbestimmung und Angst hinter sich zu lassen und endlich sein eigenes Leben leben zu können macht das Leben erst lebenswert!

 

Trust in you!!!

 

Vertrauen in Andere

 

Während man es geschafft hat das Vertrauen in sich selbst wiederzufinden ist in der Regel etwas zweites sehr Wichtiges ganz unbemerkt nebenbei geschehen. Um so weit zu kommen musste man Hilfe in Anspruch nehmen.  Da waren diese Menschen, die plötzlich an einen geglaubt haben, einen unterstützt haben, einen Halt gegeben haben oder vielleicht einfach nur zugehört haben. Gerade wenn Traumatisierungen durch fremde Menschen stattgefunden haben fällt es Betroffenen unheimlich schwer Vertrauen in andere Menschen zu setzen. Die alten Erfahrungen lehrten einem doch, dass andere Menschen potentiell gefährlich sind. Doch mal ehrlich…ist es fair, wenn durch einen oder wenige Menschen das komplette Vertrauen in alle Menschen zerstört wird. Nimmt man damit nicht alle anderen Menschen in Sippenhaft? 

 

Nachdem ich die Ängste, die bei mir mit wenigen Menschen verknüpft waren, erfolgreich verarbeitet hatte, sah ich plötzlich alle anderen Menschen mit ganz anderen Augen. Ich ging viel offener durchs Leben und sah nicht in allen Mitmenschen eine potentielle Bedrohung mehr. 

 

Unter „Vertrauen in Andere“ subsumiere ich nicht nur das Vertrauen in andere Menschen, sondern auch das Vertrauen, dass alles gut wird. Das schlechte Situationen gut ausgehen. Auch hier habe ich durch nachträgliche Bearbeitung der traumatischen Einsätze, die ich in den Jahren im Streifendienst erlebt hatte, ganz wesentliche Schritte zur Gesundung erreicht. 

In diesem Zusammenhang finde ich gerade die Verhaltenstherapeutischen Ansätze wichtig. Man kann sollte sich irgendwann trauen sich Situationen zu stellen, die einen ängstigen. Die Komfortzone muss manchmal einfach verlassen werden um neue Erfahrungen zu sammeln. Klar gibt es hier auch Grenzen, aber grundsätzlich gehört etwas Mut zum Leben dazu. 

Und zu einem guten Leben gehört es für mich auch sich mal fallen zu lassen und anderen Menschen zu Vertrauen. Aber damit selbst viele „Nicht-Traumatisierte“ so ihre Probleme. Nicht umsonst füllen Beziehungsratgeber ganze Büchereien. 

 

Traumatisierungen haben nur die Folge, dass man sich noch stärker zurückzieht und abkapselt von anderen Menschen. 

Es kann hilfreich sein sich ab und zu hinzusetzen und wirklich zu schauen wer einem auf seinem bisherigen Weg tatsächlich geholfen hat. Und ich wette die Liste ist meistens länger als man es erwartet hätte!!!

 

Den Körper spüren

 

Im Normalfall sind Körper und Geist eine Einheit. In diesem Zustand ist gesundes Leben möglich. Traumatische Ereignisse haben jedoch die Kraft Körper und Geis zu spalten. Gerade auf physiologischer Ebene passieren bei während eines traumatischen Erlebnisses unbewusst hochkomplexe Abläufe. Es handelt sich um lebensnotwendige Programme die seit Jahrtausenden in fast allen Lebewesen angelegt sind. 

Es gibt drei typische physiologische Verhaltensmuster die bei der Konfrontation mit einer „gefährlichen“ oder belastenden Situation ablaufen: Kampf, Flucht oder Erstarrung. Ich persönlich finde die englischen Bezeichnungen „fight, flight oder freese“ noch einprägsamer. 

Es gibt viele fachliche sehr gute Beschreibungen dieser unterschiedlichen Reaktionsmuster und welche körperlichen Prozesse dahinterstecken. Darauf in diesem Rahmen einzugehen wäre zu weitgreifend.

Fest steht allerdings, dass eine solche Situation für das menschliche Nervensystem den Super-Gau darstellt. Sofern man allerdings noch mit Flucht oder Kampf reagieren kann, besteht die geringere Gefahr einer nachhaltigen Traumatisierung, da der Organismus in Aktion treten kann und die damit verbundenen Energien „abgebaut“ werden. 

 

Schwierig wird es erst, wenn die Erstarrung eintritt. Wenn also alle anderen Bewältigungsstrategien fehlgeschlagen sind und man sich sozusagen „in sein Schicksal fügen muss“. In der Natur wird das bei Tieren auch als sog. Totstellreflex bezeichnet. Der Organismus erstarrt und es ist keine Reaktion mehr möglich. 

Bei Menschen kommt es hier genau in diesem Moment zur Spaltung von Verstand und Gefühlen. Dass, was in diesen Momenten passiert, wird einfach ausgedrückt in einem besonderen Speicher im Gehirn abgelegt, zu dem man unter Umständen später keinen Zugang mehr hat. Der Körper hat es jedoch gespeichert und für den Verstand unzugänglich abgelegt. Sofern es zu dieser Form der Erstarrung gekommen ist, reichen rein kognitive Therapieformen nicht aus um die Erinnerungen vollständig aufzulösen. Hier können spezielle Therapien mit somatischen Anteilen entscheidend weiterhelfen. 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Erstarrung nicht immer mit Tatenlosigkeit gleichzusetzen ist. Auch professionelles Handeln kann in diesem Zustand noch möglich sein. Ich habe das im Rahmen der Unfallaufnahmen immer wieder erlebt. Ich habe vor Ort professionell reagiert und die Unfallaufnahme und Versorgung von Verletzten teilweise wie in Trance korrekt durchgeführt. Erst Jahre später stellte ich im Rahmen der Aufarbeitung fest, dass mir gewisse Momente dieser Ereignisse fehlten. Mit Hilfe des EMDR konnte ich den Zugang dazu nach Jahren wiederherstellen und spürte im Anschluss eine deutliche psychische und physische Entlastung.

 Gerade bei frühen Traumatisierungen gewohnt sich das Nervensystem ständig auf Hochtouren zu laufen. Es fällt dann unheimlich schwer sich wirklich zu entspannen, weil unterbewusst alles auf mögliche Gefahren ausgerichtet ist. Hier beginnt ein meist sehr mühseliger Weg in Richtung eines normalen Körpergefühls. Gerade Somatisierungen wie z.B. Kopfschmerzen oder Übelkeit sollten „emotional“ hinterfragt werden. Was kann seelisch dahinterstecken???

Aber es lohnt sich diese Körperarbeit auf sich zu nehmen. Für mich war es der wichtigste Schlüssel zur Heilung!

 

Die Gegenwart

 

„Du kannst dich nicht selber finden, indem du in die Vergangenheit gehst. Du findest dich selber indem du in die Gegenwart kommst.“ (Eckart Tolle „Jetzt – die Kraft der Gegenwart“)

 

Unverarbeitete Traumatisierungen gleichen einem Feststecken mit einem Bein in der Vergangenheit. Vieles dreht sich um vergangene Vorfälle und Zeiten. So sehr man auch bemüht ist, ohne Behandlung der Probleme ist das „umzuschalten ins Jetzt“ fast unmöglich. Es laufen zu viele unbewusste Prozesse ab, die einem förmlich in der Vergangenheit festhalten. Ziel einer erfolgreichen Traumatherapie sollte es sein endlich im Hier und Jetzt anzukommen. 

Im Jetzt sind die traumatisierten Situationen nicht mehr vorhanden. „Es ist vorbei“…so einfach diese Erkenntnis für den Außenstehenden zu sein scheint, für einen traumatisierten Menschen ist es das keinesfalls. Es reichen manchmal kleinste Auslöser/Trigger aus, um wieder komplett in der vergangenen Situation zu sein. Dieser Teufelskreis muss aufgelöst werden, um ein gesundes Leben zu führen.

 

Es gibt da sehr radikale Ansätze, die meiner Meinung nach eher mit Vorsicht zu genießen sind. Ein reines Vorgehen vom Verstand her ist hier nicht zielführend. Auch ein nur auf die Zukunft gerichtetes Denken kann sich schnell als Irrweg herausstellen, denn man fühlt sich dadurch nie wirklich präsent anwesend. 

Es sollte sich ein ganzheitliches Gefühl oder körperlichen und psychischen Präsenz im „JETZT“ entwickeln. 

 

Das Zusammenspiel

 

Ich hatte zum Anfang schon erwähnt, dass die einzelnen Anker sich gegenseitig bedingen und ergänzen. Wer schon ein Problem damit hat sich selbst zu vertrauen, der wird anderen Menschen auch nicht vertrauen können. Wer keine Verbindung zu seinem Körper hat, kann auch nicht im „Jetzt“ leben. Wer in einem unsicheren Umfeld lebt, kann nicht in seinen Körper hineinspüren. 

Ich habe die Reihenfolge der Trauma-Anker sehr bewusst gewählt und sie sind aus der Erfahrung meiner persönlichen Traumabearbeitung entstanden. Dieses vollständige Bild ergab sich für mich „leider“ erst am Ende meines Weges. Hätte ich diese Anker vorher gekannt, wäre ich vielleicht etwas schneller ans Ziel gekommen. Aber wie beschrieben heilt jede Seele in ihrem eigenen Tempo. Man kann diese Prozesse nicht beschleunigen oder erzwingen. 

Aber man kann Schritt für Schritt in die richtige Richtung gehen und sich professionelle Hilfen oder Begleiter suchen. Und wenn jemand diesen Weg schon kennt, ist er doch ein guter „Navigations-Helfer“. 

 

Ich kann jeden nur ermutigen da hinzusehen, wo es wehtut…es lohnt sich!